Umdenken beim Besatz - Teil 1 + 2


Umdenken beim Besatz - Teil 1

(erschienen in: Der Kreisfischer Nr. 4/2001)

Gewässer brauchen keine Angler, aber Angler brauchen Gewässer!
oder Umdenken beim Besatz

"Des send mir onsre Mitglieder schuldig, die wellet ebbas fanga" hört man in der Ausschuss-Sitzung, sobald der Besatz für das nächste Jahr besprochen wird und die grundsätzliche Frage zur Diskussion steht "Fangreif besetzen" oder "Besatz mit kleinen Fischen" durchführen.

"Ebbas fanga" bedeutet dabei, der Verein solle doch bitte einen Besatz mit fangreifen Fischen durchführen, so dass die Mitglieder auch sofort was zum Fangen hätten. Denn noch immer sind viele Vereinsmitglieder der Meinung, Fischereivereine hätten die Verpflichtung ihre Gewässer so zu besetzen, dass die Mitglieder den Gegenwert ihres Erlaubniskartenbeitrags möglichst schnell und einfach wieder herausfangen können.

Doch da irren sich die Vereinskameraden. Fischereivereine haben nicht die Aufgabe ihre Mitglieder mit fangreifem Besatz aus einer Teichanlage zu versorgen, sondern Fischereivereine haben die Verpflichtung ihre Gewässer nachhaltig und ihrer Hegepflicht entsprechend zu bewirtschaften.

Dass sich zwischenzeitlich auch andere Vereinigungen und Organisationen, die eigentlich nichts mit der Fischerei zu tun haben, verstärkt um die Bewirtschaftung von Fischgewässern kümmern, zeigt die vom NABU Landesverband Baden-Württemberg in Auftrag gegebene Untersuchung "Nachhaltige Fischerei-Ökologische Auswirkung von Besatzmaßnahmen in Fließgewässern und Seen" (sie haben richtig gelesen, im Auftrag des Naturschutzbundes Deutschland, dem früheren Deutschen Bund für Vogelschutz). Das Untersuchungsergebnis ist in einem Endbericht zusammengefasst, den ich jedem Angler als Lektüre nur empfehlen kann. Kritisches zum Fischbesatz und seine Auswirkungen auf die Gewässer wird darin von Fischereisachverständigen dargelegt. Eine solche Untersuchung hätte ich mir eigentliche von unserem Landesverband gewünscht.

Dass andere Organisationen die Gewässer anscheinend besser bewirtschaften als Angelvereine, hat in Bayern und Baden-Württemberg schon zu Verpachtungen von Gewässern an die Naturschutzverbände geführt. Wegen der Ignoranz der Fischereivereine gegenüber Naturschutzaufgaben in und am Gewässer gehen Angelgewässer an die Naturschutzvereine verloren. Denn, einem Gewässereigentümer ist es gleichgültig von welcher Seite er die Pacht für sein Wasser erhält. Und, wenn ein Gewässer von Naturschutzverbänden besser und ohne Befischung bewirtschaftet wird, so lässt sich dies in der Öffentlichkeit sogar noch besser darstellen.

Die Forderung nach fangreifem Besatz ist sicherlich auch auf eine falsche Besatzpolitik in den früheren Jahren zurück zuführen. Regenbogenforellen und Karpfen fangreif zu besetzen war die Regel. Ein Fangtag ohne mindestens vier entnommene Regenbogenforellen war damals kein erfolgreicher Angeltag.

Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Ich könnte es mir einfach machen und auf die gesetzlichen Grundlagen verweisen, denn darin ist ein Besatz mit fangreifen Fischen nicht vorgesehen, ja sogar verboten. Ein Gewässerwart der dies missachtet macht sich strafbar. Doch die logischen Gründe für ein Umdenken beim Besatz sind leicht zu erklären und müssten eigentlich von jedem Angler verstanden werden.

Normalerweise finden wir in allen Gewässern und für jede Fischart eine Altersstruktur. Das heißt, je jünger die Fische um so größer ist die Zahl der vorkommenden Fische eines Jahrgangs, je älter und größer die Fische, um so kleiner wird die Fischzahl des Jahrgangs. Die Bestandszahlen der verschiedenen Jahrgänge ergeben eine Pyramide. Als Basis unzählbar viele Brutfische und an der Spitze einige große Fische. Wir brauchen also einen Fischbestand dessen Altersaufbau dem natürlichen Vorkommen entspricht und dies kann nur bedeuten Fische "so klein wie möglich einsetzen". Der Kritiker wird nun entgegnen, dass bei solch einem Besatz die meisten Fische verangelt werden   "Do host jo de ganz Zeit an kloina Fisch an der Angel". Aber in jedem intakten Gewässer mit natürlichem Fischbestand muss sich der Angler damit auseinander setzen, dass mehr kleine als große Fische vorhanden sind. Und eine Angler, der mit dieser Tatsache nicht klar kommt, hat an einem Fischwasser nichts verloren, da ihm die nötige Fachkompetenz zum Angeln fehlt.

Wir müssen also unsere Angelmethoden und unsere Gewohnheiten, die meist aus einer gewissen Bequemlichkeit resultieren, auf diese neue Situation einstellen. Zum Beispiel durch Verzicht auf den Widerhaken. Kleine Fische können ohne Widerhaken problemlos und schonend abgehakt und ins Wasser zurück gesetzt werden.

Des Weiteren muss sich unser Fischbesatz endlich an der natürlichen Ertragsfähigkeit des Gewässers orientieren und nicht an den Forderungen der Angler nach mehr fangfähigen Fischen. Deshalb ist zu untersuchen, welche Fischmenge kann ein Gewässer produzieren. Wir müssen vor dem Besatz ermitteln:

  • Welche Nahrungsmenge steht den Fischen zum Abwachsen zur Verfügen?
  • Wie viele Standplätze und Unterstände findet die entsprechende Fischart im Besatzgewässer vor?
  • Ist ein Besatz überhaupt erforderlich, oder laicht die Fischart im Gewässer noch ab?
  • Vernichten wir durch einen Besatz mit Zuchtfischen die genetische Identität einer noch vorhandenen ursprünglichen Fischart?
  • Verdrängen wir durch den Besatz eine heimische Fischart? Verschwindet eventuell durch den überhöhten Besatz von interessanten Angelfischen eine Kleinfischart?
  • Was passiert bei einem Fischbesatz mit den anderen schützenswerten Lebewesen im Wasser z.B. den Amphibien?

Ein Fischbesatz hat sich ausschließlich nach solchen Kriterien zu richten und nicht nach der Zahl der Gewässerbegehungen durch uns Angler. Der Grundsatz "do fischet a Haufa, also schmeißa mor a Haufa nei" gehört längst der Vergangenheit an und entspricht den Besatzvorstellungen unserer Väter. Einem Außenstehenden kann diese Art des Besatzes niemals verständlich gemacht werden.

Dass die richtigen Besatzzahlen und der Besatz mit der richtigen Fischart dringend notwendig ist, zeigt uns auch die Situation an unseren Baggerseen.

Seit der Baggerbetrieb an unsere Seen eingestellt wurde, kommt es zu einer raschen Alterung dieser Gewässer. Dieser Alterungsprozess erfolgt in einem künstlichen See wesentlich schneller als in einem natürlich entstandenen See. Mit der Alterung verändert sich das Nährstoffangebot im See, mit dem Nährstoffzuwachs kommt es zu Ablagerungen und Fäulnisbildung am Gewässergrund. Unter Umständen mangelt es im Tiefenbereich und am Seegrund an Sauerstoff. Dies wiederum bedeutet keine Fischnährtiere im Tiefenwasserbereich und im Sediment. Der Ertrag des Gewässers geht aus Mangel an Nährtierchen zurück. Der Fischbestand verändert sich. Der Besatz muss der neuen Situation angepasst werden. An diesem Alterungsprozess sind wir Angler nicht unbeteiligt. Durch Besatz mit falschen Fischarten, zu hohe Besatzzahlen sowie durch Fehler bei der Befischung (übermäßiger Nährstoffeintrag ins Gewässer durch übertriebenes und unüberlegtes Anfüttern) beschleunigen wir diesen Alterungsprozess. Und dann wundem wir uns über ausbleibende Zander  und Karpfenfänge und massives Pflanzenwachstum.

Parallel zu allen Besatzmaßnahmen müssen wir uns, und dies ist viel wichtiger und vordringlicher als alle Besatzmaßnahmen, für die Sanierung unserer Gewässer einsetzen. Wir Angler müssen uns gegen einen weiteren Verbau und für die Renaturierung von Gewässern stark machen. Nur dann erholen sich auch die Fischbestände unserer heimischen Fischarten wieder.

Ich weiß, meine Ansichten zum Fischbesatz stimmen mit der mehrheitlichen Meinung unserer Vereinsmitglieder nicht überein und ich stoße bei vielen nur auf ein Kopfschütteln. Ich möchte mit meinen Ausführungen auch "niemand in die Pfanne hauen". Ich weise lediglich auf eine Entwicklung hin, die uns aufgrund von Fehlern und Versäumnissen irgendwann wieder einholen wird und zwar spätestens dann, wenn alle möglichen Naturschütze an der Bewirtschaftung von Fischgewässern mitarbeiten werden, nur der Naturnutzer Angler nicht mehr. Denn der kann froh sein, wenn er an dem einen oder anderen Gewässer noch seine Angel auswerfen darf.

Wilhelm Weidle
3.Vorsitzender


Umdenken beim Besatz - Teil 2


(erschienen in: Der Kreisfischer Nr. 2/2002)

Der Bericht "Gewässer brauchen keine Angler, aber Angler brauchen Gewässer!" im Kreisfischer 4/2001 führte teilweise zu heftigen Diskussionen unter den Mitgliedern. Dies war so beabsichtigt und gewünscht.

Die Mitglieder sollen sich kritisch mit den Besatzmaßnahmen des Vereins auseinander setzen. Ich selbst habe auf den Bericht nur positive Resonanz bekommen. Noch an der Jahreshauptversammlung wurde ich auf den Bericht angesprochen und seine Richtigkeit und Notwendigkeit wurden mir bestätigt. Negative Äußerungen zum Bericht habe ich keine erhalten, aber dies liegt sehr wahrscheinlich daran, dass einige Mitglieder seither nicht mehr mit mir reden.

Trotzdem möchte ich noch einiges zum Besatz mit Jungfischen erklären.

Umdenken beim Besatz heißt nicht Besetzen mit Brütlingen und Jungfischen um jeden Preis, sondern der Besatz sollte mit möglichst kleinen Besatzfischen erfolgen. Möglichst klein ist dabei in erster Linie abhängig von der Wasserqualität. Junge Fische reagieren sehr empfindlich auf Gewässerverschmutzungen, insbesondere auf Belastungen des Gewässers mit Ammoniak. Ammoniak gilt als starkes Fischgift und kann sich bei ungünstigen Bedingungen, d.h. bei ansteigenden ph-Werten oder bei ansteigender Wassertemperatur, aus Ammonium entwickeln. Ammonium wiederum ist ein Zersetzungsprodukt des Eiweißstoffwechsels und wird über die Kläranlagen ins Wasser eingebracht. Die Grenzkonzentrationen für Ammoniak im Wasser liegen für Forellenbrut bei 0,006 und für erwachsene Forellen bei 0,01 mg/l. Somit entscheidet der Ammoniakgehalt darüber, wie klein Forellensetzlinge sein dürfen.

Welche Vorteile hat nun das Einbringen junger Fische in unsere Gewässer? Nachfolgend habe ich einige Gründe aufgeführt:

Satzfische sollten möglichst jung sein. Je kleiner ein Setzling ist, umso leichter kann er sich an sein neues Besatzgewässer anpassen. Ein Jungfisch aus einem Zuchtteich kommt mit dem Aussetzen in ein Fließgewässer leichter zurecht als ein fangreifer Fisch. Oder anders gesagt: Ein fangfähiger Besatzfisch aus einem Teich wandert bei einem Besatz in ein Fließgewässer wegen mangelnder Anpassungsfähigkeit ab. Zusätzlich führen ungünstige Umstände, Hochwasser, hohe Wassertemperaturen, schlechte Kondition der Fische, zu großen Verlusten beim Aussetzen von fangreifen Fischen.

Weiter wird durch den Besatz mit überwiegend fangfähigen Fischen die Gesetzmäßigkeit des Altersaufbaues zerstört. Die natürlicherweise vorkommenden Jungfische stehen nach dem Ausbringen von fangreifen Forellen dem Fraßdruck der großen Besatzforellen gegenüber. Das bedeutet: Durch Kannibalismus und Reduzierung des natürlichen Nahrungsangebotes durch die fangfähigen Fische wird die Entwicklung der Jungfische gestört. Oftmals wird argumentiert, dass Jungfische in dem Besatzgewässer nicht abwachsen und dass deshalb mit fangreifen Forellen besetzt werden muss. Doch dieser Trugschluss ist nur die Folge des jahrelangen Aussetzens von fangreifen Fischen.

Die Anzahl der Besatzfische richtet sich grundsätzlich nach dem Nahrungsangebot und den vorhandenen Nischen (Unterständen) im Gewässer und nicht nach den Fangwünschen der Angler. Die Ermittlung des Nahrungsangebotes und somit der Ertragsfähigkeit ist nicht ganz einfach. Oftmals wird es notwendig sein, dass man sich an die optimalen Besatzzahlen herantastet. Die wenigsten Fehler können bei einem Besatz mit Jungfischen passieren. Ein Überbesatz, der sich negativ auf das Gewässer auswirkt, ist praktisch nicht möglich, da überzählige Fische durch Fraßräuber (Raubfische, Wasservögel usw.) aufgrund der fehlenden Nischen rasch dezimiert werden.

Oft hört man als Rechtfertigung für das Aussetzen fangreifer Fische, dass sich dieses nicht negativ auf das Gewässer auswirke, da die Fische ohnehin sofort wieder herausgefangen würden. Doch das ist nicht richtig. Wie wir alle aus eigenen Erfahrungen wissen, steigt nach dem Einbringen von fangreifen Fischen in ein Gewässer der Befischungsdruck auf dieses Gewässer massiv an. Dieser Befischungsdruck bleibt solange bestehen, bis alle Fische, einschließlich des zuvor noch vorhandenen natürlichen Bestandes, herausgefangen sind. Das Ergebnis ist ein schwächerer Fischbestand als vor dem Besatz. Angler, die den "Besatzsegen" verpasst haben, sind unzufrieden und rufen nach dem nächsten Besatz mit fangreifen Fischen. Das Besetzen und das schnelle wieder Herausfangen beginnt von neuem. Ein ausgewogener und beständiger Fischbestand kann durch solche Besatzmaßnahmen niemals aufgebaut werden.

Nach einem fangreifen Forellenbesatz fängt man häufig Forellen gleicher Größe, aber unterschiedlicher Färbung und Körperform. Obwohl bei einem Züchter (Händler?) bestellt und von einem Händler geliefert, stammt das Besatzmaterial anscheinend aus verschiedenen Betrieben. Über die Herkunft der Besatzfische lassen sich meist nur Vermutungen anstellen.

Bei einem Besatz mit Jungfischen ist es eher gewährleistet, dass die Herkunft des Besatzmaterials nachgewiesen werden kann. Denn für einen Erfolg im Sinne eines nachhaltigen Besatzes ist die Herkunft des Besatzmaterials von entscheidender Bedeutung. Besatzmaterial für unsere Fließgewässer sollte aus einer Fischzuchtanlage unseres Gewässersystems, d.h. aus dem Rheinsystem, und nach Möglichkeit aus nächster Umgebung stammen. Aus seuchenbiologischen Gründen sind Besatzfische aus unterschiedlichen Zuchtbetrieben in jedem Falle abzulehnen. Kontinuierlicheres Besetzen mit Jungfischen aus demselben Zuchtbetrieb verbessert die Qualität unseres Fischbestandes und nicht zuletzt die Qualität unseres Nahrungsmittels Fisch.

Trotz allen Skandalen in der Fleischproduktion wird auf die Qualität und Herkunft unserer zugekauften Fische viel zu wenig Wert gelegt. Hauptsache es gibt etwas zum Fangen. Woher der Fisch stammt und wie der Fisch aufgezogen wurde, ist den meisten Sportkameraden anscheinend gleichgültig. Ein Fisch aus einem Mastbetrieb wird einem Fisch aus einem natürlichen Gewässer vorgezogen. Ohne zu Bedenken, dass Fische aus der Zucht in erster Linie als Speisefische gezogen werden und nicht als Besatzfische für uns Angler. Ein schnelles Wachstum und ein verkaufsförderndes Aussehen der Mastfische stehen im Vordergrund. Um ein schnelles Abwachsen zu erreichen, werden Zuchtfische in manchen Betrieben sogar medikamentös behandelt, um sie unfruchtbar zu machen. Fische werden mit hohem Fleischanteil und kleinen Flossen gezüchtet, dadurch schwimmen diese Fische nicht mehr so viel, verbrauchen weniger Energie und wachsen besser ab. Forellenlaich wird mit Unterdruck behandelt, um nur weibliche Fische zu erhalten, da sich diese als Speisefische besser verkaufen lassen. All diese Unsicherheiten könnten durch den Besatz mit Jungfischen minimiert werden.

Die beste aller Lösungen wäre allerdings Laichplätze zu schaffen, damit sich die hoffentlich noch vorhandenen natürlichen Bestände fortpflanzen können.

Ich weiß, der Gewässerwart in einem Verein steht unter dem Fangerwartungsdruck der Mitglieder und oftmals gibt er diesen Forderungen nach, um im Verein die Ruhe zu bewahren. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass ein Umdenken beim Besatz auch bei der Mehrheit der Mitglieder stattfindet und dass die Forderung der Vereinskameraden nach einem ausgewogenen und natürlichen Fischbestand in unseren Gewässern den Gewässerwarten die Besatzplanung und den Besatz erleichtern werden.

Wilhelm Weidle
3.Vorsitzender