Sommerlaicher

Mitte Juni war es endlich soweit. Nach Wochen des Regnens verschwand die graubraune Farbe des Wassers und der Neckarpegel sank. Dies musste wie ein Startschuss auf die im Sommer laichenden Fische des Neckars gewirkt haben.

Auch mich zog das immer klarer werdende Wasser wie ein Magnet an. Eigentlich wollte ich im Neckar gegenüber des Kraftwerks an der Rappenberghalde fischen gehen, doch daraus wurde nichts. Schon in der Nähe des Neckars nahm ich klatschende und rauschende Laute war. Es lag ein angenehmer Duft von Brenneseln und frischer Erde in der Luft den ich tief einsog.

Als ich die Böschung entlang der Landgrabenmündung an den Neckar herabging traute ich meinen Augen nicht. Ich gehe nun schon seit über 25 Jahre an den Neckar zum Fischen, aber so was habe ich noch nie in diesen Dimensionen gesehen. Vor mir lag mitten im Neckar eine etwa 40 Meter lange, frisch angelandete saubere Kiesbank. Auf der rechten Seite der neuen Insel hatte sich eine Stillwasserzone gebildet die in der Sonne funkelte. Die andere Seite zeigte sich verlockend strömend. Unterschiedlich große Steine auf der Sohle gaben dem schnellen Verlauf eine sich verändernte Dynamik. Vom Ufer her bildeten die überhängenden Weidenruten Versteckmöglichkeiten und in der Hitze des aufkommenden Tages schattige Plätzchen für die Fische.

Aber die dachten überhaupt nicht ans Verstecken. Die ganze linke Seite neben der Kiesbank war voll von laichenden Fischen. Unzählige dunkle Schatten standen in der Strömung auf dem Grund des Neckars. Direkt im flachen Wasser der Insel standen vor mir Döbel die zwischen einem und zwei Kilo wogen. Dahinter, im etwas tieferen und strömenden Wasser, waren Barben zu erkennen. Sie waren dunkler gefärbt und etwas größer. Es waren auch etliche große, laichschwere Barben darunter, die bestimmt drei bis vier Kilo auf den Gräten hatten. Etwas abseits, an der Strömungskante, war noch eine Gruppe kleinerer Fische beim Laichen, vielleicht waren es Haseln.

Ich zählte etwa fünf Fische auf den Quadratmeter. Immer wieder legte sich ein dicker Fisch auf die Seite und begann mit dem Schwanz in den Kies zu schlagen. Das war das Weibchen. Die Männchen warteten nur auf dieses Signal und stürzten sich hinter ihr her. Dann waren es sicherlich 20 Fische auf dem Quadratmeter. Manchmal waren sie so wild, dass plötzlich das Weibchen auf den Fischrücken aus dem Wasser gehoben wurden und es mit dem Bauch nach oben hilflos zappelte. Das ganze Geschehen wurde von spritzendem und schäumenden Wasser begleitet.

Das Wasserrauschen wurde nur noch von den mittlerweile landenden Stockenten übertönt. Auch sie wurden angelockt und mischten sich unter die laichenden Fische. Watschelnd und schlürfend machten sie sich über die willkommene, einfach gebotene Mahlzeit her. Auch an der nächsten Kiesbank, die fünfzig Meter oberhalb lag, sah man ebenfalls Fische laichen.

Ich hatte inzwischen meine Rute ins Gras gelegt und schlich mich mit meiner kleinen Kamera, die ich immer bei mir habe, zu den Fischen. Sie waren überhaupt nicht scheu und ich konnte mich bis auf drei Metern an sie herantasten. Es müssen tausende Weisfische gewesen sein, die sich auf engstem Raum, gedrängt von einem uralten Instinkt, zum Laichen trafen. Einige der Fische müssen recht weit gewandert sein.

Total in Gedanken versunken bemerkte ich die näherkommenden Stocherkähne fast nicht. Proppevoll, mit fröhlich herumgestikulierenden jungen Menschen an Bord, nahmen sie geradewegs Kurs inmitten der laichenden Fische. Jetzt wurde mir die Gefahr bewusst, in welcher sich die Fische befanden, aber auch der Grund warum ich so bald zum Fischen gehen wollte. Nach kurzem Wortwechsel und Irritationen legten sie doch unterhalb der Kiesbank an und folgten meiner Einladung die Fische zu beobachten. Sie waren alle hin und weg und voll Bewunderung über die gar nicht scheuen Fische. Ich hörte Worte wie "das haben wir ja nicht gewusst, die konnten wir ja gar nicht sehen", oder "das gehört in die Presse" aber auch "der Abschnitt gehört eigentlich gesperrt".

Ich blieb noch eine Zeit lang bei der Kiesbank und hielt die noch nachfolgenden Kahnfahrer an. Sie waren alle verständnisvoll und gaben meine Anweisungen weiter. Am Tag darauf lagen acht Stocherkähne vor der Insel, aber die Fische waren trotzdem weg, weil zwei unverbesserliche Bootfahrer sich den Weg durch die Fische bahnten. Am nächsten Morgen waren sie aber alle wieder da und wir beschlossen, die Presse zu informieren und ein Hinweisschild auf der Kiesbank zu installieren, welches zum großen Teil angenommen wurde.

Im kommenden Jahr [2003] wollen wir etwas professioneller vorgehen. Wir stellen uns vor, den kurzen Bereich auf etwa 100 Metern Länge vom Juni bis Ende Juli für die Bootsfahrt zu sperren. Mit Erlaubnis von der Gewässerdirektion und Stadt Tübingen können wir auf die bootfahrenden Vereinigungen zugehen und zum Schutz der Sommerlaicher diesen Bereich für eine kurze Zeit von der Befahrung herausnehmen zu lassen. Natürlich sollten auch wir Angler nicht um diese Zeit mit unseren Stiefeln im Laich herumwaten oder das Laichgeschäft stören. Wir werden sie dann rechtzeitig über den Stand der Ermittlungen im Kreisfischer unterrichten.

Michael Faiß
(Gewässerschutzbeauftragter)