Maßnahmen zur Strukturverbesserung der Bäche in Tübingen aus der Sicht der Fischerei


Verfasser:
Michael Faiß, 16.02.2000,Der Arbeitskreis Tübingen "Lebendiger Neckar"
(Gewässerschutzbeauftragter für den KFV, Mitglied im AK-Tübingen des Landesnaturschutzverbandes BW)



Vorwort
1. Bühler Talbach
2. Arbach
3. Landgraben
4. Steinlach und Einzugsgebiet
4.1. Ehrenbach (Herrenbach)
4.2. Oberwiesbach
5. Ammer und Einzugsgebiet
5.1. Weilersbach
6. Tiefenbach

Anhang

Vorwort im Dezember 1999

Das Gründungsdatum des Kreisfischereivereins Tübingen e.V. war im Dezember 1886. Die damalig zurückgehende Gewässergüte durch die fortschreitende Industrialisierung und verstärkten Gewässerausbau, verbunden mit stagnierenden Fischbeständen, brachten einige Menschen dazu einen Fischereiverein zu gründen. Als Hauptziel schrieben sie sich in ihre Statuten den "Erhalt der heimischen Fischarten und den Schutz der Krebsbestände".

Obwohl sich das Gesicht des Neckars und seiner Nebengewässer nach mehr als 110 Jahren gründlich geändert hat, sind auch heute noch die heimischen Fischarten von damals im Tübinger Neckar zu finden; dies verdanken wir unter anderem der tatkräftigen und finanziellen Hilfe der Mitglieder des Kreisfischereivereins Tübingen (KFV)!

Heute sind aber immer noch wasserbauliche Schwachpunkte in der Struktur des Neckars und vor allem in seinen Nebengewässern zu finden, welche dem Schutzziel für Fische und Krebse gänzlich entgegenstehen. Solche sogenannten Verbauungen entstanden aus der einseitigen Sichtweise des Hochwasserschutzes und aus dem Profitdenken längst vergangener Wasserkrafttage. Besonders nachteilig für Fische und Krebse wirken sich die verbauten Mündungen der Seitengewässer des Neckars aus. Fische können auf ihren Laichwanderungen diese Gewässer nicht erreichen. Wichtige Rückzugsräume bleiben ihnen versperrt.

Das neue Wassergesetz für Baden-Württemberg gibt den Kommunen Leitlinien in die Hand, um wieder zu einer gänzlichen Einheit des Lebensraumes "Wasser" zu gelangen.

Die vorliegende Arbeit deckt solche Schwachpunkte im Tübinger Neckareinzugsgebiet auf und gibt aus der Sicht der Fischerei Anregungen diese zu beseitigen. Die Orte finden sich auf einer topographischen Karte im Text wieder; sie sind zusammen mit den jeweiligen Gewässerstrecken durchnummeriert. Fotografien neueren Datums belegen den Zustand und geben einen gewissen Eindruck wieder.

Diese Arbeit soll denjenigen in die Hand gegeben werden, welche die Verantwortung für den Schutz der aquatischen Lebensräume tragen und eine kleine Hilfestellung brauchen, um aus der Sicht der Fischerei diese Verantwortung umzusetzen!

Gez.
Michael Faiß


1. Bühler Talbach


Beschreibung:

Der Bühler Talbach entspringt aus mehreren Quellen die im Rammert liegen. Er fließt natürlich bzw. naturnah mit vielen kleinen Mäandern bis zum Ortseingang von Bühl. Im Ortsbereich Bühl ist er in einem tiefgelegenen, vollbetonierten und teilweise verdolten Bachbett eingezwängt, welches dem Hochwasserschutz absolute Priorität einräumt.

Foto 1
Foto 2
Foto 3

Die letzten 600 Meter vom Ortsausgang bis zur rechtsufrigen Mündung in den Neckar fließt er in Betonhalbschalen die mit einer Konstruktion aus Rasengittersteinen unterbaut wurden (Foto 1). Die Mündung selbst ist mit stabil verlegten Steinschwellen ausgebaut (Foto 2). In diesen Halbschalen kann sich kein Sediment ablagern, Leben ist mit bloßem Auge nicht feststellbar, obwohl die Gewässergüte im Mündungsbereich mit "gering belastet" angegeben werden kann.

Diese Verbauungen wurden Anfangs der siebziger Jahre eingebracht, nachdem mehrere Hochwasser innerorts, und an den damaligen intensiv genutzten Äckern links und rechts des Baches, Schäden angerichtet hatten. Vor der Verbauung lebten im Mündungsbereich des Baches verschiedene Cyprinitenarten, aber auch Mühlkoppen und Stichlinge. Regelmäßig, etwa um die Weihnachtszeit, stiegen Bachforellen vom Neckar in den Bach auf und man konnte sie beim Laichen beobachten. Auch Aale fanden den Weg in den Bach und wanderten bis fast in die Quellregionen hinauf, was Elektro – Fischfangergebnisse bewiesen.

In den Rammertregionen leben heute noch lokale Populationen von Bachforellen, Mühlkoppen und Steinkrebsen, die vom Neckarsystem abgetrennt wurden. Aber auch die sehr seltenen Bachneunaugen, die in der NATURA 2000 als prioritäre Art festgelegt ist.

Vorschlag zur Abhilfe:

Innerorts müsste mit technischen Maßnahmen ein etwas natürlicherer Bachlauf geschaffen werden. Um den Bachforellen des Neckars eine Laichmöglichkeit und vielen Kleinfischarten einen Lebensraum zu schaffen, sollten ab der Brücke der Schienenverbindung bis zur Mündung in den Neckar, die Halbschalen und die Rasengittersteine entfernt werden. Nun sollte dem Gewässer die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst zu entwickeln. Wenn das nicht möglich ist, sollte man die Ufer absichern. Man könnte z.B. einen beidseitigen Raubaumverbau (Foto 3) anbringen, der Aufgrund der mittlerweile extensiv betriebenen Landwirtschaft, in dem alten Neckarflussbett in Schleifen ausgebildet werden könnte. Die Ufer sollten beidseitig lückenhaft mit heimischen Bachgehölzen (Schwarzerlen, Weiden, Eschen usw.) an dem Böschungsfuss bepflanzt werden.

Bei dieser Aktion kann auf die langjährige Erfahrung und die Mithilfe der Mitglieder des KFV zurückgegriffen werden. Auch die Verantwortlichen der Fachhochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg wären im Rahmen der Ausbildung ihrer StudentInnen sicherlich an dem Thema "Ufersicherungsmaßnahmen mit natürlichen Hilfsmitteln" interessiert und könnten mithelfen, diesen Abschnitt zu renaturieren.

Die eigentliche Mündung des Baches sollte in eine ausgeprägte, seichte und kiesige Bucht des Neckars erfolgen, die mit natürlichen Baumaterialien und einem Gehölzsaum gesichert werden müsste. In diesem Bereich könnten Rast- und Nahrungsplätze für verschiedene Vogelarten entstehen; für Neckarfischarten würde sich hier ein Laichbiotop anbieten.


2. Arbach


Beschreibung:

Der Arbach wird von zwei Quellen gespeist, die in der Pfaffenbergregion liegen. Nach der Vereinigung der Wasserläufe, südwestlich von Wurmlingen, zieht er sich, durch eine Flurbereinigung begradigt, durch das Trinkwasserschutzgebiet linksseitig des Neckars. Seine Ufer sind bis etwa einen Kilometer vor der Neckarmündung durch heimische Bachgehölze bepflanzt worden und verleihen dem Bach ein "naturnahes" Aussehen.
Foto 1
Foto 2
 

Der Bereich vor der Mündung ist kahl und schon mehrfach verlegt worden. Hier lagert sich sehr viel Feinsediment ab (Foto 2), welches den Bach im Sommer mit Gras fast zuwachsen läßt. Die eigentliche Mündung verläuft durch ein ca. 30 Meter langes Betonrohr (Foto 1), das steil zum Neckar geneigt ist. Das Rohrende liegt ca. einen Meter über dem Neckarmittelwasserspiegel. Ein Fischaufstieg vom Neckar aus kann unmöglich erfolgen. Über dem Rohrgebilde verläuft ein Flurweg den Neckar entlang.

Der Bereich vor der Mündung muss als fischbestandslos angesehen werden, auch in den oberen Bereichen sind mir keine Populationen bekannt.

Die Gewässergüte im Mündungsbereich kann mit "gering bis mäßig belastet" angegeben werden.

Vorschlag zur Abhilfe:

Dringend müsste die Mündung in einen natürlichen Zustand gebracht werden. Das gesamte Rohrsystem ist zu entfernen. Der Bach sollte mit geringer Neigung über niedrige Steinschwellen in den Neckar münden. Die Steinschwellen sollten nicht die ganze Bachbreite abdecken, sie sollten versetzt hintereinander eingebaut werden (Slalomprinzip), damit sie auch von Kleinfischen überwunden werden können. Die Mündung müsste in eine seichte, kiesige Bucht in den Neckar verlaufen. Dieser Neckareinschnitt sollte mit natürlichen Baumitteln (Raubaumverbau) und einem Gehölzsaum gesichert werden.

Die Brücke des Flurweges kann aus einer großen Betonhalbschale gebaut sein, die sich über den Bach spannt. Auch ein Betonrohr wäre geeignet, wenn sich die Sohle aus natürlichem Sediment ausbilden würde. Die kahlen Uferseiten müssten lückenhaft mit heimischen Gehölzen bepflanzt werden.

So könnten Schritt für Schritt die mittleren und oberen Bachabschnitte vom Neckar aus besiedelt werden. Damit würden die Vereine von Hirschau und Wurmlingen, die etliche Uferbepflanzungen vorgenommen haben, belohnt. Die Landwirtschaft sollte den Gewässerrandstreifen einhalten.

Der Arbach würde sich als Laichgewässer für Bachforellen anbieten, er ist geradezu geschaffen als Biotop für die besonders geschützten Elritzen, Mühlkoppen und Bachschmerlen. In der Mündungsbucht des Neckars würden Rast- und Nahrungsplätze für verschiedene Vogelarten entstehen, für die Neckarfischarten könnte auch hier ein Laichgebiet entstehen.


3. Landgraben


Beschreibung:

Der Landgraben entspringt aus mehreren kleinen Quellen, die im Weilheimer Rammert liegen. Er fließt in einem "natürlichen" Bachlauf bis zum Ortsbeginn von Weilheim, und wird nur durch ein Regenrückhaltebecken unterbrochen.

Foto 1
Foto 2
Foto 3
Kurz oberhalb des Ortes verschwindet der Bach in einem ca. 100 m langen Betonrohr, welches ein Wanderungshindernis darstellt. Im Ort beginnt der Teil des Baches, welcher Anfang der achtziger Jahre durch ein Flurbereinigungsverfahren verlegt wurde. Der Bach fließt nun geradlinig durch ein doppeltrapezförmiges Bachbett, das ihn tief, mit schweren Steinquadern an den Ufern, einzwängt. Die Sohle besteht aus natürlichem Sediment. Wenige hundert Meter vor der rechtsseitigen Neckarmündung verliert der Lauf an Gefälle und es kommt zu Auflandungen von Feinsediment (Foto 3), das der Bach bei Hochwasser mit sich führt. In dieser Region wächst der Bach im Sommer regelrecht mit Gras zu und es fließt dann fast kein Wasser mehr in den Neckar. Der Bach verlandet zeitweise. Die Uferkrone ist lückenhaft mit heimischen Gehölzen bepflanzt, die Pflege ist vorbildlich.

Die Mündung in den Neckar findet in einem Quaderbausteinwerk statt, das eine Fischtreppe darstellen soll (Foto 1). Tief eingebettet fällt das Wasser über mehrere quer eingebaute, schwere Steinquader in den Neckar (Foto 2). Die Fallhöhe, welche von den Steinschwellen bestimmt wird, ist für Kleinfische unüberwindbar. Regelmäßig wird die Mündung von Hochwässern mit Angeschwemmsel zugefüllt und regelmäßig entfernen Mitglieder des KFV dieses Treibgut.

Im Landgraben leben lokale Populationen von Mühlkoppen, Steinkrebsen und Bachforellen, die durch Besatzmaßnahmen des KFV gestützt werden. Die früher häufig vorkommende Elritze ist nach der Bachverlegung verschwunden! Die Fischpopulationsdichte nimmt in den begradigten Bereichen spürbar ab, der Bereich vor der Mündung muss als fischbestandslos bezeichnet werden.

Die Wasserqulalität, kurz vor dem Neckar, muss mit "gering bis mäßig belastet" angegeben werden.


Vorschlag zur Abhilfe:

Zuerst müsste das Steinwerk der Mündung so umgebaut werden, dass die Besiedlung von Kleinfischen vom Neckar aus geschehen kann. Man könnte z.B. auf die quer eingebauten Steinquader noch einen Quader daraufsetzen, der allerdings nicht die ganze Breite des Baches abdeckt, sondern an einer Seite einen Durchfluss zulässt. Diese zweite Reihe von Quadern sollte hintereinander versetzt (Slalomprinzip) auf die darunterliegende montiert werden.

Dieses Vorgehen hätte zwei Vorteile:
- Im neu entstandenen seitlichen Durchfluss könnten die Fische vorbei schwimmen, sie müssten nicht mehr "über" die Steine klettern;
- und das tiefe Mündungsgebilde käme etwas höher.

Teurer, aber wesentlich effektiver wäre die Verlegung des ganzen Mündungsbereiches etwa 100 Meter flussaufwärts in den oberen Teil der rauhen Rampe des Neckars.

Die Pflege des Bachbettes im Verlandungsbereich sollte intensiviert, aber trotzdem schonendst durchgeführt werden (Mähen, Sohlräumungsarbeiten). Abschnittsweise sollten auf der begradigten Strecke die schweren Ufersteine entfernt werden, um den Bach an diesen Stellen etwas offener zu gestalten. Somit käme etwas mehr Strukturvielfalt und mehr Licht in den Bach. Die Ufer müßten an diesen Stellen durch einen Lebendverbau gesichert werden, da der Bach an beiden Ufern von einem befestigten Flurweg begleitet wird. Die Verdolung am Ortseingang müsste auf ein Minimum gekürzt werden, die Sanierung in diesem Bereich sollte mit natürlichen Baumitteln bewerkstelligt werden.


4. Steinlach und Einzugsgebiet


Beschreibung:

Durch die Länge des Gewässers beschränke ich mich nur auf den Unterlauf, Gemarkung Dußlingen bis auf die rechtsseitige Mündung in den Neckar.

In Beschreibungen des KFV, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, liest man von der Steinlach als ein vortreffliches Forellengewässer.

Dies änderte sich jedoch bald, denn Jahre darauf ist schon von ersten großen Fischsterben die Rede, bedingt durch Verunreinigungen. Vermehrte Einleitung ungeklärter Abwässer und Flussverbauungen machten die Steinlach in den fünfziger bis siebziger Jahren zu einem toten Gewässer. Selbst in dieser fischlosen Zeit bezahlte der KFV seine Pacht an die Kommunen weiter!

Dies änderte sich erst mit dem Bau der Kläranlage des Abwasserverbandes Steinlach/Wiesaz. Seither besetzt der KFV die Steinlach wieder mit heimischen, standortgerechten Fischarten, die für sehr viel Geld eingekauft werden müssen. Doch der Erfolg der Eigenbesiedlung ist ein bescheidener. Auf weiten Strecken unterhalb des Kläranlageneinflusses ist kein Nachwuchs bei den Bachforellen zu verzeichnen, was sich bei totalen Fischsterben in den Jahren 1997 und 1998 zeigte. Langjährige chemische und biologische Untersuchungen, die an verschiedenen Probestellen von Mitgliedern des KFV durchgeführt werden, belegen, dass die Werte der Gewässergüte unterhalb des Einlaufes der Kläranlage gefährlich Nahe an die Lebensgrenze von Jungfischen geht.

Im Mündungsbereich muss die Gewässergüte mit "kritisch belastet" angegeben werden.

Auch der auf weiten Strecken geradlinige Flusslauf, mit seiner vor allem in ortsbereichen steingepflasterten harten Sohle und Längsverbauungen, regt keine Forelle zum Ablaichen an. Jungfische verdriften sehr schnell an den kanalähnlichen Strecken und werden zur willkommenen Beute von Fischräubern. Altfische finden so gut wie keine Auskolkungen zum Unterstehen.

Als die letzte Längsverbauung mit schweren Steinquadern mitte der siebziger Jahre in Bereichen der Tübinger Südstadt vorgenommen wurde, verhallte der massive Protest des KFV in Schall und Rauch. Auch die Einwände gegen das Einbetonieren der Steinquader, was im Ausführungsplan nicht vorgesehen war, stieß nur auf Unverständnis bei den Behörden!

Ein Ärgernis sind auch die Querverbauungen, welche als Wanderungshindernisse gelten. Es sind allein sechs an der Zahl, von der Mündung in den Neckar bis zum Wiesazeinlauf. Aber auch die Nebengewässer haben ihre Probleme, wovon ich zwei näher zu erläutern versuche.

Anregungen zur Abhilfe

kann nur ein Gewässerentwicklungsplan eines seriösen Umweltbüros geben, welches die Probleme der Steinlach und des Mühlbaches als Gesamtes behandelt. Auch sollte selbstverständlich der Rat der anerkannten, örtlichen Naturschutzverbände eingeholt werden, da sie die ökologischen Missstände vor Ort am Besten kennen.

Kurzfristig sollte jedoch die Durchgängigkeit der oben beschriebenen sechs Wanderungshindernisse hergestellt werden. Diese könnten problemlos zu rauhen Rampen umgebaut werden.


4.1 Ehrenbach (Herrenbach)


Beschreibung:

Der Ehrenbach entspringt aus mehren Quellen in den südlichen Härten. Nach der Vereinigung der Wasserläufe fließt er in vielen Mäandern durch eine reichhaltige Feuchtwiesenaue mit einem dichten Bestand aus Erlen und Weiden der rechtsseitigen Mündung der Steinlach zu. Der gesamte Bachlauf kann als "natürlich" bezeichnet werden. In dem Auenwald des Mündungsbereiches finden sich heute noch Dammbauwerke aus der Zeit der künstlich angelegten Eisweiher, welche vom Ehrenbach und von der Steinlach bis in die fünfziger Jahre gespeist wurden.

Ehrenbach
Foto 1
Ehrenbach
Foto 2
 

Die Sohle der Flussmündung besteht aus einer ca. 30 Meter langen, glatten Gesteinsschicht (Buntmergel) (Foto 2) welche über zwei natürliche Schwellen in die Steinlach übergeht (Foto 1)(*).

Diese Schwellen haben sich durch die Eingrabung der in diesem Bereich begradigten Steinlach gebildet. Wenn schon die Schwellen für die meisten Fische unüberwindbar sind, so hält die darauffolgende glatte Gesteinsschicht, über die im Sommer auf der ganzen Breite nur wenige Zentimeter hoch das Wasser fließt, auch die "Aufsteiger" ab. Die Steinlach ist vor der Regulierung in diesem Bereich mit großen Mäandern zu Tal geflossen. Einzelne Wasserläufe kreuzten den Mündungsbereich des Ehrenbaches und so fand ein reger Austausch von aquatischem Leben statt.

Im Ehrenbach leben heute lokale Populationen von Steinkrebsen, Mühlkoppen und Bachforellen, welche im Mündungsbereich durch Besatzmaßnahmen des KFV gestützt werden. Der gesamte Bachlauf mit seiner Feuchtwiesenlandschaft und der letzte kleinen Auenwaldbereich der Steinlach gehören schon lange in den Status eines Naturschutzgebietes erhoben.

Die Gewässergüte nahe der Mündung muss mit "gering belastet" angegeben werden.

Vorschlag zur Abhilfe:

Abhilfe zu schaffen ist in diesem Falle sehr einfach. Man müsste mit einem kräftigen Bagger eine etwa einen Meter tiefe und breite Rinne in die gesamte Länge der Mergelschicht graben. Die Grabungsrinne sollte nicht geradlinig verlaufen und die Sohle sollte Eintiefungen aufweisen, in die sich dann später Kies absetzten kann. Auch müsste die Rinne in die Steinlach ein wenig fortgesetzt werden. Die Mündung ist mit einem Bagger leicht zu erreichen, auch ohne dass der Umgebung ein größerer Schaden zugefügt würde. Die Fische könnten so bequem in den Ehrenbach gelangen und ihn bevölkern.

Bei einem Gau der Kläranlage erweist sich der Ehrenbach als letzte Rettungsstation für die in der Nähe lebenden Fische. Dies zeigte sich bei den letzten Fischsterben, die durch die Kläranlage des Abwasserverbandes Steinlach/Wiesaz ausgelöst wurden. Das Abwasser der Kläranlage fließt nur etwas mehr wie hundert Meter oberhalb des Ehrenbaches in die Steinlach. Man fand einige tote Bachforellen auf den Mündungsschwellen liegen. Sie müssen verzweifelt versucht haben in den Ehrenbach zu gelangen!

(*) Die Flussmündung wurde im Januar 2002 durch den Kreisfischereiverein-Tübingen wie beschrieben renaturiert.


4.2 Oberwiesbach


Beschreibung:

Der Oberwiesbach entspringt im Gewand "Hasenbühl" zwischen Mössingen und Nehren. Bis zum Ortsausgang Nehren muss sein Lauf als "naturnah" bezeichnet werden. An seinen Ufern wächst ein dichter Bestand von Pflanzen, die der Erlen- und Weidenaue zuzuordnen sind. Der Bachlauf hat viele Mäander ausgebildet.

Oberwiesbach
Oberwiesbach Oberwiesbach Oberwiesbach
Foto 1 Foto 2 Foto 3
   
Oberwiesbach
Foto 4

Vom Ortsausgang Nehren bis zur rechtsseitigen Mündung in die Steinlach, südlich von Dußlingen, folgt das typische Beispiel des technischen Wasserbaus der siebziger Jahre (Foto 1). Schnurgerade, mit nur zwei Kehren, fliesst der Bach jetzt in einem trapezförmigen Bett der Steinlach zu. Seine Ufer und die Sohle sind mit Rasengittersteinen ausgebildet (Foto 2). Es säumen keine Sträucher und Bäume mehr die Ufer. Die Landwirtschaft wird bis an den Uferrand betrieben. Die Verdolung unter der B27 wird mit einem ca. 30 m langen Betonkanal bewältigt (Foto 3). Etwa 100 m vor der Mündung hat sich der Bach seiner harten Rasengittersohle entledigt. Auch sein Stützkorsett bröckelt von den Ufern ab. Hier und da wächst ein kleiner Weidenstrauch, der aber bei der schwäbischen Gründlichkeit der Ufermad keine Chance hat...

Die Sohle hat sich in diesem Bereich wieder natürlich ausgebildet (Foto 4). Die eigentliche Mündung ist für Fische und andere Lebewesen gut passierbar. Vor der Begradigung muss der Oberwiesbach ein bedeutendes Laichgewässer der Bachforelle gewesen sein. Auch andere Kleinfischarten wie Elritze, Bachschmerle oder Mühlkoppen müssen in ihm heimisch gewesen sein. Im Mündungsbereich leben heute noch zeitweise Elritzen, der Bereich mit den Rasengittersteinen muss als fischartenlos bezeichnet werden. Im oberen natürlichen Bereich sind mir keine Populationen bekannt.

Dem Bachlauf ist im unteren Teil alles genommen worden, was für die Selbstreinigungskraft des Wassers verantwortlich ist. Seine Gewässergüte muss im Mündungsbereich durch die hohe organische Belastung mit "kritisch belastet" angegeben werden.


Vorschlag zur Abhilfe:

Als aller Erstes müsste der gesamte Rasengittersteinverbau entfernt werden. Nun sollte die Eigenentwicklung des Baches gefördert werden. Sollte das nicht möglich sein, so sollte man doch wenigstens versuchen ein mäandrierendes Bett mit einem Lebendverbau (Raubaumverbau) zu gestalten. Die Ufer sollten lückenhaft mit heimischen Bäumen und Sträuchern ufernah bepflanzt werden, um sie zu sichern.

Der Betonkanal bei der B27-Verdohlung müsste so entschärft werden, dass die Röhre auch für Kleinlebewesen durchwanderbar ist. Die Landwirtschaft müsste in jedem Fall den benötigten Gewässerrandstreifen einhalten.


5. Ammer und Einzugsgebiet


Beschreibung:

Von Herrenberg kommend, kann man der Ammer bis zum Ortsbeginn von Unterjesingen ein "naturnahes" Aussehen bescheinigen. (*) Ab Tübingen trifft sie das gleiche Schicksal wie die Steinlach. Der geradlinige Lauf, mit seinen hartverbauten Ufern und Sohlen, macht aus dem lebendigen Gewässer einen öden Bach. Die Büsche und Sträucher, die den Lauf nur teilweise säumen, stehen auf der Dammkrone anstatt am Ufer. Die Schusskanalstrecken sind lebensfeindlich für Jungforellen und Kleinfischarten, es fehlen wie bei der Steinlach ausgespülte Gumpen in die sich Altfische zurückziehen können. Forellenlaichplätze sind nur wenige bekannt; z.B. im alten Botanischen Garten, dort wird der Gewässerlauf auf ein kurzes Stück wieder natürlicher.

Ammer Ammer    

Auch der Ammerkanal, der durch Tübingen fließt, macht einen tristen Eindruck. Mit ein paar im Wasser stehenden großen Blumenbehältern mit feuchte liebenden, heimischen Pflanzen und ein wenig Bio-Fließ auf der harten Sohle, würde sich nicht nur das Auge freuen, sondern auch die Stichlinge die darin leben. Vielleicht würden dann einige Mitbürger das Gewässer nicht nur als Abfallgruft ansehen, sondern als etwas Lebendiges.

Der Fischaufstieg, von der Ammer in den Goldersbach, wird kurz vor der Mündung durch ein Betonquerbauwerk mit einem nicht funktionierendem Fischpass jäh gestoppt. Auch der Austausch mit dem Neckar wird durch einen Wehrbau an der Mündung behindert. Nur bei sehr kräftigen Hochwässern können die Fische über das Betonbauwerk bei der Fa. Egeria gelangen.

Die Gewässergüte der Ammer bei der Mündung muss mit "mäßig belastet" angegeben werden.

Vorschlag zur Abhilfe:

Um überhaupt zu einer vernünftigen Besiedelung der Ammer durch gewässertypische Fischarten zu gelangen, müsste zuerst das Wehrbauwerk an der Mündung durch eine rauhe Rampe ersetzt werden. Falls jemals geplant ist an dieser Stelle ein Kleinwasserkraftwerk zu erstellen, sollte man an ein funktionierendes Umgehungsgerinne denken. Auch das kleine Wehr an der Goldersbachmündung müsste auf jeden Fall so umgebaut werden, dass auch Kleinfische aufsteigen können.

Aber nicht nur der Goldersbach, sondern fast alle innerstädtischen Nebengewässer der Ammer haben ihre Probleme. Die meisten Bäche, wie z.B. der Käsenbach, sind fast auf ihrer gesamten Länge verdolt.

Es sind vielfältige Maßnahmen nötig, die nur mit einem vernünftigen Gewässerentwicklungsplan entschärft werden können. An wenigen Stellen (Nähe Schwärzloch) kann man die Tendenz der Ammer zur Eigenentwicklung erkennen. Diese Uferabbrüche und Auskolkungen dürfen nicht repariert werden.

Es ist auf jedenfall zu empfehlen auch den Rat der anerkannten, örtlichen Naturschutzverbände einzuholen, da sie die lokalen Missstände sehr gut beurteilen können.

(*) Ab Unterjesingen bis Ortsbeginn Tübingen hat das Tiefbauamt die Ammer im Jahr 2001 vorbildlich renaturiert.


5.1 Weilersbach (Rosenbach)


Beschreibung:

Die Quellen des Weilersbaches liegen in dem Tal, welches sich von der Ammer in Richtung Hagelloch bis zum Heuberger Tor entlangstreckt. Der Bach fliesst „natürlich“, in kleinen Mäandern zu Tal. Er ist umsäumt von heimischen Sträuchern und Bäumen. Der Bachlauf ist im oberen Teil nur durch kleinere Sohlbaumaßnahmen gestört, die dem Hochwasserschutz dienen sollen, und keinen wesentlichen Einfluss auf das Leben im Wasser nehmen.
Weilersbach Weilersbach    

Naturfern wird es erst ab Ortsbeginn Tübingen. Von da ab geht eine Betonrutschrinne fast gerade, auf etwa 1,1 Kilometer Länge, auf die Ammer zu (Foto 1). Der in betonierten Steinen gefasste, kanalartige Abfluss ist auf der Uferkrone mit heimischem Gehölze bepflanzt. Bei einem kräftigen Hochwasser kann es geschehen, dass Fische aus dem Oberlauf in die Ammer gespült werden, ein erneuter Aufstieg durch diesen Kanal ist nicht möglich. Die eigentliche Mündung geht fließend in die Ammer über. Im Oberlauf leben lokale Populationen von Steinkrebsen, Mühlkoppen und Bachforellen, die durch Besatzmaßnahmen des KFV gestützt werden. Im Bereich des Mündungskanals sind keine Fischbestände anzutreffen.

Die Gewässergüte muss im Mündungsbereich mit "gering belastet" bewertet werden.

Vorschlag zur Abhilfe:

Um wieder zu einem Austausch von aquatischem Leben zwischen Weilersbach und Ammer zu gelangen, kann auf eine Renaturierung des langen Mündungskanals nicht verzichtet werden. Die harten Längsverbauungen und die Sohle müssten zuerst entfernt werden. Die Steine der Uferverbauung könnten dann später wieder als Strömungslenker eingebracht werden. Man sollte die Pflanzungen, die auf der Uferkrone stehen, gänzlich auslichten, damit wieder mehr Sonnenlicht einfallen kann. Jetzt müsste mit natürlichen Baumitteln ein neues Ufer gestaltet werden. Zum Beispiel mit einem Raubaumverbau, der zur Uferkrone hin mit Erde aufgefüllt und mit heimischem Gehölz lückenhaft hinterpflanzt wird, welches durch die ausgelichteten Uferkronen rasch anwächst.

Den neuen Bachlauf kann man trotzt der geringen Sohlbreite ein wenig dynamisch gestalten. Die vorher ausgegrabenen Steine der Uferverbauung können jetzt wieder in den Bach lose eingebracht werden.

Der Hochwasserdurchfluss dürfte sich bei ordentlich durchgeführten Pflegemaßnahmen des Ufers nicht wesentlich ändern.


6. Tiefenbach


Beschreibung:

Die Quellen des Tiefenbaches liegen nördlich von Pfrondorf im Gewand "Brand". Der Tiefenbach fliesst "naturnah" durch das Waldgebiet der Brandklinge in kleinen Schleifen der linksseitigen Mündung des Neckars zu. Kurz nach Austritt aus dem Waldstück fließt er über eine glatte Betonbrücke des Kanales vom Ausleitungskraftwerk kurz vor Kirchentellinsfurt.

Tiefenbach
Tiefenbach
Schwelle Nr. 1
Tiefenbach
Schwelle Nr.2


Am Ende der Brücke fällt der Bach ca. 1 Meter tief über eine Betonschwelle (Schwelle Nr.1).

Tiefenbach
Schwelle Nr.3
Danach läuft der Tiefenbach immer noch "naturnah", mit einem heimischen Gehölzsaum über die "Furtwiesen" weiter, bis nach der Kreuzung mit der B27 die nächste Schwelle den Bach wieder ca. 1 Meter über einen Betonsturz fallen lässt (Schwelle Nr.2). Das letzte Hindernis ist die Mündung in den Neckar (Schwelle Nr.3). Über eine vom Neckarhochwasser beschädigte Betonschwelle fällt der Tiefenbach ca. 2 Meter senkrecht in eine kleine Ausbuchtung des Neckars. In diesem Bereich hat sich der Neckar nach der Korrektur tief eingegraben.

Fischbestände sind mir keine bekannt, jedoch muss angenommen werden, dass im Waldgebiet Steinkrebse und Mühlkoppen vorkommen.

Die Gewässergüte kann im Mündungsbereich mit "gering belastet" angegeben werden.

Vorschlag zur Abhilfe:

Die Mündung müsste über einen geeigneten Fischaufstieg erfolgen. Niedrige, hintereinander versetzte, flach aufsteigende Steinschwellen (Slalomprinzip), über die auch Kleinfische hinwegkommen, wäre eine solche Lösung. Schwelle Nr.2 könnte durch eine flache, Rauhe Rampe überwunden werden, ebenso die Schwelle Nr.3 des Brückenbauwerks. Die glatte Betonstraße über den Kanal könnte durch ein Bio-Fließ (technisch befestigte, hintereinander liegende Steine) für Fische und Kleinlebewesen durchgängig gestaltet werden.


Anhang


Literatur:

Bauer, Werner H. (1998): Gewässergüte bestimmen und beurteilen, Parey.

Hoffmann, R., Berg, R., Blank, S. (1996): Fische in Baden-Württemberg, Gefährdung und Schutz.
Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Baden-Württemberg, Stuttgart

Bildnachweis:

Alle Fotografien sind vom Verfasser zwischen Juni und Dezember 1999 aufgenommen worden.

Landkartennachweis:

Alle im Text verwendete Landkarten sind entnommen worden aus:
Amtl.Topograph.Ktn.Baden-Württ.1CD-Rom; Landesvermessungsamt Baden; ISBN:3-89021-582-3