Der Mythos vom sauberen Wasser

(erschienen in: Der Kreisfischer Nr. 4/2003)

Wenn wir unsere Bäche und Flüsse betrachten, macht es den Anschein als wären unsere Gewässer wieder sauber. Der Uferschmuck mit Slipeinlagen, Klopapierresten und anderen Überbleibseln als sichtbares Zeichen von Gewässerverschmutzung ist deutlich weniger geworden. Und dennoch der Schein trügt. Nicht nur Nährstoffe, Schwermetalle und Keime gelangen aus den Kläranlagenausläufen in unsere Gewässer, auch Substanzen, die wir zum Teil noch nicht einmal nachweisen können werden eingeleitet. Ein Bericht über das mysteriöse Sterben von Bachforellen im FliFi 6/2002 macht die Situation deutlich. Die ersten Beobachtungen über schwarze Bachforellen liegen fast 10 Jahre zurück und nur wage Theorien ohne ausreichende wissenschaftliche Belegungen stehen immer noch im Raum. Einzelne Landesfischereiverbände in Bayern haben durch Ihren Einsatz erreicht, dass in Bayern umfassende Forschungen betrieben werden, um der Sache auf den Grund zu gehen. Sicherlich ist diese Beobachtung der schwarzen Forellen nur ein sichtbares und bemerktes Phänomen unserer unsichtbaren Gewässerverschmutzungen und deren Auswirkungen.

Die nachfolgende Betrachtung der Situation soll die Komplexität dieser Thematik aufzeigen und klar machen, dass auf viele Fragen noch lange keine Antworten folgen werden.

Am Beispiel von Pharmakas möchte ich dies deutlich machen.

Umweltaspekte, Auswirkungen und Daten

Der Wasserkreislauf dürfte eines der grossartigsten Wunder der Natur und Vorausetzung für alles Leben auf unserem Planeten sein. Doch er birgt auch Gefahren, deren wir uns oft nicht bewusst sind. So werden Stoffe durch ihren Einsatz in der Industrie, der Landwirtschaft, der Medizin und in vielen anderen Bereichen unseres hochtechnisierten Lebensraumes nach oder durch ihre Anwendung über die verschiedensten Eintragswege in den Wasserkreislauf eingetragen.

Bekannt ist diese Problematik jedem von uns aus der Landwirtschaft. Die Verunreinigungen von Oberflächen-, Grund- und Trinkwasser durch Dünge- und Pflanzenschutzmittel wurden in der Vergangenheit in der Öffentlichkeit und unter uns Anglern heftig diskutiert.

Doch noch weitgehend unerforscht ist dagegen die Problematik von Arzneimittelrückständen und Rückständen von Einsatzstoffen aus der Industrie im Wasser und die möglichen Auswirkungen auf Tiere und uns Menschen. Wissenschaftler beginnen erst mit der Erforschung dieser Auswirkungen, so dass die bestehende Datenbasis noch schr dünn sein dürfte um gefestigte Aussagen über die genauen Auswirkungen von Arzneimittelrückständen und anderen Stoffen auf Menschen und Tiere machen zu können.

Einträge in die Gewässer

Die Anwendung von Pharmakas ist ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Human- und Veterinärmedizin, ohne dies wäre der hohe Stand des Gesundheitswesens nicht erreicht worden und könnte auch nicht aufrecht erhalten werden.

Der bequeme Griff zur Kopfschmerztablette ist uns inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Über das was nach der erhofften Wirkung mit den Substanzen passiert, wurde bisher jedoch wenig nachgedacht.

Multipliziert man die pro Jahr in Deutschland verordneten Tagesdosen verschiedener Präparaten mit der Menge einer Einzeldosis, ergeben sich Jahresmengen an verordneten Arzneimittelpräparaten die in der Grössenordnung von mehreren Tonnen pro Jahr liegen. Ein Grossteil der Wirkstoffe in Medikamenten haben alle eine gemeinsame Eigenschaft: Sie sind wasserlöslich. Die Substanzen werden nach der Anwendung durch den Menschen oder auch Tiere entweder unverändert ausgeschieden oder im Körper in andere Substanzen, in der Wissenschaft Metabolite genannt, umgewandelt und ebenfalls ausgeschieden und gelangen so mit dem Abwasser in den Wasserkreislauf. In Abwässern von Krankenhäusern wurden schon vor einigen Jahren Arzneimittelrückstände in deutlich nachweisbaren Konzentrationen gefunden. Doch durch die Vermischung von anderen Abwässern werden die Wirkstoffe oft so weit verdünnt, dass sie nur mit modernster Analysentechnik, wenn überhaupt, nachweisbar werden.

Vorkommen in Abwässern

In einer 1996 durchgeführten Studie (1) untersuchten Analytiker Abwasserteilströme einer Gemeinde in Hessen vor der Reinigung durch die kowinunale Kläranlage, so wie das gereinigte Abwasser von 39 weitereii K läli-iiiilagen in Hessen vor der Einleitung in den Vorfluter. Ergebni der Studie war, dass Substanzen aus Pharmaka die in den Teilströmen der Kläranlage zugeführt wurden auch im Ablauf der Kläranlage vor der Einleitung in den Vorfluter nachgewiesen werden konnten. Diese Stoffe werden offensichtlich in der Kläranlage nicht vollständig eliminiert. Die betrachtete Kläranlage stellt keinen Einzelfall dar. In fast allen der im Rahmen der Studie untersuchten Kläranlagen ließen sich Pharmakas nachweisen. Unabhängige, neuere Studien bestätigen diese Ergebnisse in ganz Deutschland. Häufig werden Arzneimittel wie das Analgetikum Acetylsalicylsäure (der Wirkstoff von Aspirin und vielen andern Schmerzmitteln) nachgewiesen.

Vorkommen in Fließgewässern

Da viele Pharmaka in Kläranlagen nur unvollständig oder gar nicht eliminiert werden, ist mit ihrem Auftreten in den als Vorflutern genutzten Flüssen zu rechnen. Im Rahmen eines Messprogramms (2)wurden die Fließgewässer Rhein, Elbe, Main, Neckar und Donau an verschiedenen Probenahmestellen auf unterschiedliche Arzneimittel untersucht.

An allen Probenahmestellen konnte ein breites Spektrum, verschiedenster Pharmaka nachgewiesen werden. Ein Zusammenhang zwischen Probenahmestelle und Wirkstoffkonzentration konnte ebenso wenig festgestellt werden, wie eine Zeitabhängigkeit. Daraus lässt sich schließen, dass Arzneimittel ubiquitär in unserer Umwelt verbreitet sind.

Bedenkt man, dass ein grosser Teil des Trinkwassers in Deutschland aus sogenannten Uferfiltraten von Flüssen gewonnen wird, rückt die Belastung von Oberflächenwasser für die Wissenschaft immer mehr in den Vordergrund.

Ausblick

Zu diesen chemischen Verunreinigungen aus häuslichen und industriellen Abwässern kommt auch noch die mikrobiologische Verunreinigungen des Vorfluters durch die Einleitung von Kläranlagenabläufen oder die Einleitung von Regenrückhaltebecken bei Niederschlag sowie Gülleeinschwemmungen aus der Landwirtschaft hinzu.

Im Wasser kommt somit immer ein "Cocktail" von Verunreinigungen an. Ob sich die Einzelsubstanzen in ihren Wirkungen gegenseitig abschwächen oder verstärken, liegt im Dunkeln. Wenig ist auch über Effekte der Verunreinigungen auf Kleinstlebewesen bekannt, die das Ökosystern entscheidend beeinflussen.

Die Datenlage ist noch dünn, dies liegt durch aus darin begründet, dass zur Zeit noch keine spezifischen und hinlänglich genauen Analysen verfahren für viele Substanzen zur Verfügung stehen. Auch weiß man noch wenig über das Abbauverhalten vieler Substanzen im Wasser, so dass nicht immer klar ist, wonach eigentlich gesucht werden soll.

Sicherlich weist unsere Ufervegetation entlang von Flüssen deutlich weniger Christbaumschmuck bestehend aus Slipeinlagen und Klopapierresten auf, allerdings darf uns dadurch nicht der Blick für unsichtbare Gewässerbelastungen verloren gehen. Berichte über Beobachtungen wie das mysteriöse Sterben von Bachforellen, die sich schwarz verfärben und abschließend sterben und die damit verbundenen Beobachtungen müssen uns wach rütteln und aktiv werden lassen.

Den bei Licht betrachtet dürfte die Lage nicht ganz so klar sein, wie die Gewässer scheinen in welchen wir unserer Leidenschaft nachgehen.

Literatur:
(1) Stumpf M., Temes, T., Haberer, K., Seel, P. und Baumann, W.: Nachweis von Arzneimittelrückständen in Kläranalgen und Fließgewässern.
(2) Sacher F., Lochow, E., Bethmann, D. und Brauch, H.-J.: Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in Oberflächenwässern.

Matthias Hamann