Samstagnachmittag am Baggersee

Der Neckar führt nach dem Regen der letzten Tage jetzt Anfang Dezember hohes und braunes Wasser. An ein Äschenfischen mit der Fliegenrute ist deshalb nicht zu denken. Nach den letzten Wochen bestem Fliegenfischen am Neckar beschließe ich deswegen mein Glück am Baggersee mit der Fliegenrute und dem Streamer auf Hecht zu versuchen.

Jetzt in der kühleren Jahreszeit ist ein langsam geführter Streamer der ideale Kunstköder auf die Baggerseehechte. Seit Mitte Mai, nach dem Ende der Schonzeit, wurden Freund Esox alle Arten von Kunstködern vorgesetzt, so dass er sich jetzt manchmal ein bisschen beißfaul zeigt. So bieten Streamer, da diese nicht so häufig zum Einsatz kommen, auch im Herbst und Winter noch gute Chancen den einen oder anderen Hecht an den Haken zu bekommen.

Am Baggersee angekommen, bestücke ich meine 10 Fuß lange Fliegenrute, eigentlich eine Einhandlachsrute, mit einem schwimmenden Schusskopf der Schnurklasse 9. Diese schwere Gerätekombination ist eigentlich für Hechte nicht erforderlich, befördert aber den doch recht großen und somit schweren Hechtstreamer auf die gewünschte Wurfdistanz.


Widerhakenlose Streamer aus Kaninchenzonker

Für mich bedeutet das Streamerfischen auf Hechte einen schonenden Umgang mit den gefangenen Fischen. Aufgrund des Einfachhakens lassen sich Hechte leicht und unkompliziert abhängen und zurücksetzen. Um die Verletzungsgefahr der Fische zu minimieren drücke ich, wie beim Fliegenfischen üblich, den Widerhaken an und fische widerhakenlos. Die ersten Würfe mit dem schweren Köder sind nach der leichten Äschenfischerei der letzten Wochen etwas gewöhnungsbedürftig. Nach kurzer Zeit und Umstellung auf einen ruhigeren und langsameren Wurfstil funktioniert das Präsentieren der Fliege aber wieder recht gut.

Das diesige und regnerische Wetter erscheint mir heute für die Hechtpirsch recht vielversprechend und dies wird auch schon nach einer halben Stunde durch den ersten Hechtbiss bestätigt. Im Gegensatz zum Spinnfischen erfolgt der Hechtbiss  beim Streamerfischen in der Regel fast unmerklich. Ich bin mir fast sicher, dass die meisten Bisse auf den Streamer vom Fischer deshalb gar nicht wahrgenommen werden. Häufig erfolgt nur ein leichter Gegenzug, als ob der Streamer in einer Wasserpflanze hängen geblieben ist. So auch diesmal - leichter Widerstand, ich setzte einen Anhieb und verspüre erst danach den kräftigen Zug gepaart mit heftigen Stoßbewegungen.
 
Als ich dann auch noch in ungefähr 10 m Abstand einen massigen Fischkörper aufblitzen sehe, weiß ich, ich habe einen der besseren Hechte aus diesem See am Haken. Doch die Freude dauert nur kurz, denn nach einer kräftigen Flucht ist der Haken wieder frei.
Verdammt - ich hadere mit meinem widerhakenlosen Streamer. Beruhige mich aber mit dem Gedanken an den schonenden Umgang der zurückzusetzenden Fischen und dass auch ein Widerhaken keine Fanggarantie bietet. Nach ein paar weiteren Würfen mit dem selben Zonkerstreamer wechsle ich den Angelplatz. Eventuell kann ich es hier ja später nochmals auf den Aussteiger versuchen.

Die nächste Angelstelle ist für den Fliegenwurf nicht ideal, ein brauchbarer Wurf gelingt erst nach dem dritten Versuch. Während ich mir Gedanken mache, dass an dieser Stelle auch die Landung eines größeren Hechtes aufgrund der Uferböschung und des Holzbestandes im Uferbereich nicht so einfach wäre, bekomme ich meinen zweiten Biss. Wieder ein fast unmerklicher Widerstand, aber nach dem Anhieb wieder ein gewaltiger Zug an der Rute. Und der Wasserschwall an der Oberfläche zeigt, dass auch dieser kräftige Esox lucius mit mächtigem Antrieb unterwegs ist.

Nach einigen Fluchten im Freiwasser versucht jetzt mein Kontrahent in das ufernahe Gehölz zu verschwinden. Mit Hilfe der relativ langen Fliegenrute kann ich den Fisch jedoch von diesem Vorhaben abhalten. Aufgrund der Uferböschung muss ich, um den Fisch greifen zu können, allerdings ins Wasser. Normalerweise kein Problem, aber dieses mal mit Kniestiefeln führt es zu einer nassen Hose und dies bis zu den Schenkeln.

Mein Watversuch führt zu einer weiteren Flucht des Hechtes ins Freiwasser und zu zwei imposanten Sprüngen bei denen mein Gegenspieler jedes mal seine volle Größe zeigt. Erst danach kann ich den Hecht wieder heranführen und sicher greifen. Nach dem Erkraxeln der Böschung kann ich eine hübsche Hechtdame ins Gras legen.

Trotz des mühsamen Werfens mit den schweren Streamern,  der oftmals mangelhaften Bissverwertung hat sich somit an diesem Samstagnachmittag das Streamerfischen auf Hecht auch für den Fliegenfischer ausgezahlt.

Motiviert durch dieses Ergebnis kam der Hechtstreamer in diesem Winter noch mehrmals erfolgreich zum Einsatz. Allerdings konnte ich mit keinem Hecht entsprechender Größe mehr anbandeln. Doch dies war kein Problem, denn aufgrund meines widerhakenlosen Einfachhakens konnten alle gefangenen Fische schnell und unversehrt wieder in ihr Element zurückgesetzt werden.

Wilhelm Weidle