Das Leben der Eintagsfliegen

Trockenfliegenmuster II


In der letzten Ausgabe hatte Michael Faiß seine "Yellow Dun" vorgestellt.

"Dun", dem einen oder anderen wird der Ausdruck schon mal begegnet sein – und er wird sich dann vielleicht gefragt haben: "Dun - was ist das eigentlich?"

Um diese Frage zu klären tut ein kurzer Ausflug in die Entomologie, die Insektenkunde, not.

Eintagsfliegen durchlaufen einen faszinierenden Lebenszyklus: sie lassen das für Insekten übliche Puppenstadium aus. Fast einmalig in der Insektenwelt entschlüpft dem Larvenstadium das Subimago, ein schon flugfähiges, aber noch unfruchtbares Insekt, und verlässt in dieser Gestalt den nassen Lebensraum. Geschwind an Land geflogen häutet sie sich zum geschlechtsreifen Insekt (Imago). Schon nach kurzer Lebensspanne, je nach Art einige Tage oder nur wenige Stunden, vollendet sie ihren Lebenszyklus, wiederum im Wasser. Nachdem sie ihre Eier abgelegt haben sterben diese Geschöpfe und treiben dann als leblose Hüllen auf dem Wasser dahin.

Maifliege

Über die Maifliege, unsere größte und wahrscheinlich schönste einheimische Eintagsfliege, schreiben Hans Steinfort und Bozidar Volic in ihrem Buch [1]:

    «Geräuschlos, wie aus dem Nichts, sind diese zarten Geschöpfe dem Wasser entstiegen und schwirren, wie pastellfarbene Blüten, dem Ufer zu, um dort noch einmal, als noch farbenprächtigeres Insekt, dem eigenen Körper zu entsteigen. Über den sogenannten Duns (Subimagines) spielen bereits, wie schillernde Illusionen, die Spinner in sattem Farbton. Auf und ab geht der Tanz. Flatternd steilan gen Himmel und ruhig, mit gespreizten Schwingen und Schwanzfäden, wieder hinab. Hundert- und abermal wiederholt sich dieses Ritual. Mit himmelwärts gerichteten Augen fliegen die Männchen unterhalb der Weibchen. Engumschlungene Pärchen enteilen in die warme, nach Jugend und Liebe duftende Maienluft, Geschöpfe der Lust und Hingabe. Ihnen ist die lebenserhaltende Furcht völlig unbekannt. Verräterisch spielen sie auf der Wasseroberfläche oder in der Luft. Daß sie ständig hungrigen Mäulern und Schnäbeln zum Opfer fallen, ficht sie nicht an. Sie haben keine Zeit, den überall lauernden Gefahren auszuweichen: "Heute leben und lieben wir, das Morgen interessiert uns nicht!"»

Nun, um die eingangs gestellte Frage zu beantworten und um gleich ein paar andere Begriffe zu klären:

Die "Dun", das ist die Eintagsfliege, wie sie eben aus der Larve geschlüpft ist und noch hilflos auf dem Wasser dahin treibt. "Spinner" bezeichnet das geschlechtsreife Insekt, wie es in hüpfenden Scharen über dem Wasser tanzt, sterbend oder schon tot auf dem Wasser treibend nennt man die Fliege "Spent".

Die "Yellow Dun" bietet man im Frühling an, wenn ihre natürlichen Vorbilder schlüpfen. Man sollte sie sachte auf dem Wasser aufsetzen, ruhig dahin treiben lassen, ohne Eigenbewegung und ohne Zug am Vorfach, bis sie in den Gesichtskreis einer guten Forelle oder Äsche eintrit und diese, wenn es denn sein soll, zum Biß verführt.

Michaels zweite Fliege, die "Hexe", ist ebenso eine Trockene. Hakt man nach, wann und wie denn diese zu fischen sei, erhält man die kurze Antwort:
«Wenn mit der "Blue Dun" nix geht, dann probier halt mal die "Hexe"!»

Stimmt schon, funktionieren tut das! Aber über das Wieso und Warum, da schweigt sich Michi aus...

Also hab ich nachgeforscht, hab Bücher gewälzt, bin durchs Internet gesurft – nach und nach wurde ich fündig, und irgendwann konnte ich mir einen Reim auf das Geschriebene machen. So ganz einig, was denn die "Hexe" eigentlich darstellen soll, darüber waren sich meine Quellen nicht. Aber eins meinte ich heraus zu hören: eine Käfer soll das sein, wie er die sichere Wiese verlassen und dann ins Wasser geplumpst ist.

Das klingt plausibel, erst recht wenn man sich die "Hexe" genauer anschaut, mit ihrem rundlichen, schwarz- und grün-schillernden Körper. Auch kann man sich gut vorstellen, daß die Fische irgendwann der mageren, fast nur aus Haut und Flügeln bestehenden Eintagsfliegen überdrüssig werden und sich statt dessen lieber an fette Käfer halten.

Sofern welche da sind, wohlgemerkt!

Drum, für den frühesten Frühling dürfte die "Hexe" nicht taugen. Sobald es aber wärmer wird und das Käfervolk ans Sonnenlicht krabbelt, dann wird die "Hexe" sehr wohl den einen oder anderen Fisch fangen.

Eigentlich ganz einfach die Erklärung – ebenso wie das Binden von

Michael Faiß' "Hexe"

Diese ist nur unwesentlich schwieriger zu binden als die "Yellow Dun". Hexe
  • Haken: #16 Partridge G3A
  • Hechel: Hahnenhechel Blue Dun
  • Faden: schwarzes Bindegarn
  • Körper: Pfauengras
  • Schwanz: rote Wolle

Das Bindegarn wird am Hakenöhr eingewickelt und der Hakenschenkel mit einer Grundwicklung beleget. Danach wird der Schwanz mit einigen Windungen Garn fixiert. Der Wollfaden darf dabei ruhig bis zur Mitte des Schenkels gehen. Anschließend werden einige Fibern Pfauengras eingebunden und zusammen mit dem Wollfaden bis zur Schenkelsmitte mit Bindegarn bewickelt. Darüber kommt dann die Körperwicklung aus Pfauengras. Das Pfauengras wird festgelegt und abgeschnitten, dann die Hechel eingebunden. Das Bindegarn wird Richtung Öhr geführt, mit der Hechel ein dichter Kranz geformt und anschließend festgelegt. Nun formt man aus Garn den Kopf und sichert mit einem Kopfknoten sowie einem Tropfen Bindelack. Ganz zum Schluß stutzt man den Wollschwanz auf die richtige Länge.

Die Hexe kann auch mit einer grizzly-farbenen Hechel (schwarz-weiss gestreift) gebunden. Verwendet man dagegen eine braunen Hechel entsteht die "Red Tag". Diese, mit einem orangen Wollschwanz gebunden, wird mancherorts als Geheimtip auf Döbel gehandelt.

Anmerkung: Das Bild der Maifliege hat uns freundlicherweise Jürgen Gaul vom BFV Nagoldtal zur Verfügung gestellt. Seine Fliegenfischer-Seite http://home.knuut.de/juergen.gaul/index.htm bietet weiterführende Informationen über Wasserinsekten.

Joachim Feucht

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[1] Hans Steinfort; Boidar Voli: Das Fischen mit der Trockenfliege. Hamburg, Berlin: Paul Parey 1985.