Global im Donautal

- Zum Nachdenken -

Ein schöner Abend ist das Mitte August am großen See in Burlafingen bei Neu-Ulm. Eine Angel ist draußen mit einem toten Köderfisch am Haken. Ein toller Hecht, das wär’s!
Meine Gedanken schwirren um den aus dem fernen Osten eingeschleppten HIV-Virus, der die Karpfenbestände hier arg zugesetzt hat. Rechts federn im leichten Abendwind die gelben Goldruten, amerikanischen Ursprungs (urspr. Solidago canadensis). Schräg links von mir leuchten aus den Stauden violett die Fruchtkörper des Springkrauts. Wenn man sie berührt knallen sie richtig auseinander und verteilen so ihre Samen. Sie überwuchern sogar die Brennnessel. Indisches Springkraut (Impatiens glandulifera) ist der richtige Name. Ein richtiges Ärgernis hauptsächlich an den Flussläufen.

Auch nicht heimisch sind die schönen Seerosen, die sich mittlerweile flächig ausgebreitet haben. Sehr zum Ärgernis der Angler. Ein Angler war’s der die Seerosen ausgebracht hat und nur was Gutes tun wollte. Sie sind asiatische Zuchtformen. Global, oder „weltweit“ ist das Stichwort, die Politiker predigen es dauernd. Da fällt mir doch gerade was ein „global denken, lokal trinken“ und nehme einen großen Schluck aus Ulms flüssigem Gold. Am Flaschenrand vorbei sehe ich am Horizont riesige Pappeln wanken. Die wiederum kommen aus Nord-Amerika. Es gibt auch die heimische Pappel, die Schwarzpappel (Populus nigra). Ein paar einzelne wachsen am Neckarufer um Nürtingen herum. Aber sie sind sehr selten, die anderen sind viel öfters anzutreffen. Sie wurden massenhaft in den 60ern gepflanzt. Ganze Alleen entstanden, so wie hier in Burlafingen. Eine Möwe segelt dicht übers Wasser. Mit einem Mal fahren riesige Wasserschwälle auseinander. Ach ja, die metergroßen Graskarpfen (Ctenopharyngodon idella) sind’s, die, die keiner mehr fängt. Die sind chinesischen Ursprungs. Und die scharfen Dreikantmuscheln (Dreissenidae) haben sie wohl als Glochidien, als winzig kleine Muschellarven in ihren Kiemen mitgebracht. Der ganze Grund ist voll davon. Schon manche Angelschnur fiel ihnen zum Opfer. Sie machen der heimischen Teichmuschel das Leben schwer.

Erst neulich las ich, dass der Zander noch keine hundert Jahre bei uns ist. Er soll aus dem nicht allzu fernen Osten kommen. Aus Sibirien und dem kaspischen Meer. Und der Karpfen? Als Zuchtform in Klöstern herangezogen und ursprünglich beheimatet auch im Osten Europas. Es gab auch Wildkarpfen bei uns. Mein Vater fing wahrscheinlich einen der letzten ursprünglichen im Tübinger Neckar. Das war etwa 1965. Ein schönes Foto existiert noch davon. Die waren spindelförmig und wurden nicht sonderlich groß. Sahen eher aus wie Döbel, allerdings mit Barteln.

Und wie um mich zu ärgern huscht ein Schwarm Barsche an mir vorüber. Ha! Sonnenbarsche (Centrarchidae) natürlich. Die kommen freiweg aus Nord-Amerika. So langsam glaube ich dass ich spinne! Was ist hier eigentlich los? Welche Fische sind denn hier noch heimisch? Vor einigen Tagen fing einer einen Wels im kleinen Burlafinger See. Ein Aufschrei! Aber der lebt doch seit Jahrtausenden in der Region? Sind sie es? Muss man sich denn auf die Regenbogenforellen beim Abfischen freuen, so wie die Hechte?

Und als ich nochmals durchs Gold-Ochsen Fernrohr nach unten schiele, entdecke ich einen garstig roten Krebs im seichten Wasser umherstaksen. Und das obwohl es noch nicht einmal dunkel ist. Diese Krebse gibt es mittlerweile zuhauf in den umliegenden Baggerseen. Auch die Krebse machen einem das Angeln schwer. Ein Grundköder ist für sie eine willkommene Speise und wird sofort weggeknabbert. Sie sind als Dauerausscheider des Fadenpilzes „Krebspest“ (Aphanomyces astaci) bekannt, der die heimischen Krebsbestände radikal dezimiert. Es sind die roten amerikanischen Sumpfkrebse (Procambarus clarkii). Man kann sie in verschiedenen Baumärkten kaufen und da kommen sie wahrscheinlich auch her. Ausrotten kann man sie nicht mehr. Selbst wenn das Wasser abgelassen werden könnte. Sie vergraben sich metertief im Schlamm und harren über Jahre der Dinge die da kommen. Man könnte es mit einem Überbesatz an Aalen versuchen. Er ist ja bekannt dafür, dass er die Krebse aus den letzten Löchern holt und sie vertilgt. Aber halt! Der ist im Donautal ja gar nicht heimisch! Den darf man ja gar nicht einsetzen.
Soll noch einer sagen: Global? ... das kommt mir nicht ins Haus!

Michael Faiß

Sumpfkrebs

Text zum Krebsbild:
Roter amerikanischer Sumpfkrebs. Ein Neuankömmling in den Burlafinger Seen.
Foto: M. Faiß