Neue Tierarten in heimischen Gewässern

Zusammenfassender Bericht zum Vortrag „Neozoen“ bei der Gewässerwartefortbildung „Gewässerbewirtschaftung“ am 8.11.2008 in Aulendorf

Als Referent war Dr. Werner Bauer vor Ort.

Als Neozoen (Einzahl: Neozoon, Mehrzahl: Neozoa, eingedeutscht Neozoen) bezeichnet man Tierarten, die direkt oder indirekt durch die Wirkung des Menschen in andere Gebiete eingeführt worden sind und sich dort fest etabliert haben. Der übergeordnete Begriff lautet Neobiota.

Drei Kriterien müssen erfüllt sein, um von einem Neozoon zu sprechen:

direkte oder indirekte Einführung durch menschliche Aktivitäten
nach 1492 (bzw. gerundet: nach 1500) eingeführt
sich selbst reproduzierende Populationen über mindestens drei Generationen, die ohne menschliche Hilfe auskommen.

Im allgemeinen spricht man aber von Neozoen bei Tieren, die aktuell bei uns einwandern. Für uns Fischer am interessantesten sind dabei die aquatischen Neozoen, die Art und Weise wie sie bei uns einwandern und die vorhandene Tierwelt beinflussen.

Wie kommen Neozoen zu uns?

Aquatische Neozoen können über neu geschaffene Wasserwege wie z.B. den Main-Donau-Kanal aktiv einwandern. Viel häufiger jedoch geschieht die Einwanderung heimlich über Bilgenwasser im innern von Schiffen oder an deren Außenwand – oder aber auch durch unsachgemäße Aquarienhaltung sowie bei Fisch- und Krebsbesätzen. Auch das gewollte Ansiedeln fremder Arten durch gezielten Besatz wie z.B. bei der Regenbogenforelle sei erwähnt.


Wandermuschel - Nahrungsquelle und Nahrungsdieb


Seit Ende des 18. Jahrhunderts erobert die Wandermuschel Dreissena polymorpha – ausgehend vom Schwarzmeergebiet – fast ganz Europa. In den Bodensee wurde sie zwischen 1960 und 1965 eingeschleppt. Umgangssprachlich wird die Muschel auch Dreikantmuschel, Dreiecksmuschel oder Zebramuschel genannt.

Wandermuschel
Abbildung: Wandermuschel, Quelle: Wikipedia

Die Muscheln heften sich an Schiffsrümpfe oder gelangen als Larven über das Ballastwasser der Schiffe in den neuen Lebensraum. Die Zebramuschel ist eine sehr konkurrenzstarke Art, die sich an Wasserpflanzen und Großmuscheln heftet. Wenn sich viele Wandermuscheln auf einer Teichmuschel festsetzen, filtrieren sie der Grossmuschel die herangestrudelte Nahrung vom „Mund“ weg. Dies führt zu einer starken Verbreitung und Störung der natürlichen Artenvielfalt der Ökosysteme. Enten und Wasservögel und vor allem Karpfen profitieren dagegen von dieser neuen Nahrungsquelle. Daneben nehmen Schäden in Kühlwassersystemen durch Fouling in Rohrleitungen und Wärmeübertragern stark zu.


Der Höckerflohkrebs – ein neues Raubtier im Bodensee


Im Jahr 2002 wurde am Bodenseeufer bei Immenstaad erstmals der über 2 cm lange Grosse Höckerflohkrebs Dikerogammarus villosus entdeckt. Ein Jahr später hatte er sich über den gesamten Überlingersee, Ende 2005 über den ganzen Obersee und 2007 auch über den Untersee ausgebreitet.

Höckerflohkrebs
Abbildung: Höckerflohkrebs, Quelle: Wikipedia

Die urspr. Heimat des Grossen Höckerflohkrebses sind der Schwarzmeerraum, die Gewässer Russlands und der Balkanhalbinsel. Über die Donau und den 1992 eröffneten Main-Donau-Kanal gelang der Art die Eroberung des Rheinsystems.

Die Ausbreitung des Höckerflohkrebses, der im englischen den Namen „killer shrimp“ trägt, erfolgt äußerst rasch und aggressiv. Der Krebs verdrängt die einheimischen, kleineren Arten und frisst außerdem auch andere Kleinlebewesen, Fischlarven und Fischeier. Neben der räuberisch erbeuteten Nahrung kann der Große Höckerflohkrebs auch von abgestorbenen Pflanzenresten leben, ist also ein Allesfresser. Durch die räuberische Lebensweise trägt er stark zur Minderung der Artenvielfalt und damit auch zur Dezimierung des Fischbestandes bei.


Bunte Fische in fremden Revieren


Neben den schon länger etablierten neozoischen Fischarten, wie z.B. der Regenbogenforelle oder dem Zander gibt es noch weitere bunte Erscheinungen dieser Tiergruppen.

Der Kaulbarsch (Gymnocephalus cernua), auch Pfaffenlaus genannt, ist anspruchslos und findet sich auch in trüberem Wasser zurecht. Durch diese Anpassungsfähigkeit ist er in den letzten Jahrzehnten auf Kosten des Flussbarsches häufiger geworden. Darüber hinaus ist der Kaulbarsch recht widerstandsfähig. Kaulbarsche sind essbar, eine Verwertung dürfte sich aber nur bei den größeren Exemplaren lohnen. Eine höhere wirtschaftliche Relevanz hat die Art nicht.

Kaulbarsch
Abbildung: Kaulbarsch, Quelle: Wikipedia

Als möglicher Konkurrent für heimische Kleinfischarten und Überträger von Fischkrankheiten erweist sich auch der Blaubandbärbling. Der Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva) stammt ursprünglich aus Asien und wurde von dort zusammen mit Graskarpfen und anderen wirtschaftlich interessanten Arten in den 60er Jahren eingeführt. Anfangs verbreitete er sich überwiegend im Einzugsbereich der Donau, 1982 wurde er erstmals in Österreich gefunden. P. parva wird besonders leicht mit anderen Arten im Zuge von Besatzmaßnahmen in Fischteiche eingeschleppt.

Blaubandbaerbling
Abbildung: Blaubandbärbling, Quelle: Wikipedia

P. parva kann innerhalb eines Sommers eine Länge von neun Zentimetern erreichen und es können bis zu drei Generationen in einem Sommer heranwachsen. Der Blaubandbärbling stellt in erster Linie eine massive Nahrungskonkurrenz zu anderen Fischen dar, besonders zu Jungfischen.


Die Großen fressen die Kleinen

Eine weitere Bedrohung geht vom Amerikanischen Ochsenfrosch Rana catesbeiana aus, der in Norditalien und lokal auch in Süddeutschland bereits etabliert ist. Der mit über 20cm grösste Froschlurch ist ein gefürchteter Fressfeind, Nahrungs- und Laichplatzkonkurrent für andere Amphibien. Außerdem kann er Krankheiten einschleppen. Mögliche Eintrittspforten sind Gartenteiche, in die im Tierhandel angebotene Frösche oder Kaulquappen ausgesetzt werden.

Wenn es in den Wintern wärmer wird, kann es auch für einige andere wasserabhängige Neozoen gemütlicher werden, denen kalte Winter bislang eine Fortpflanzung verhindert haben. Zu ihnen zählt die aus den südöstlichen USA stammende Schmuckschildkröte Trachemys scripta. Ausgesetzte Exemplare dieser Reptilienart können an mitteleuropäischen Gewässern bereits gut überleben.

Was kann der Einzelne zum Schutz gegen das Einwandern beitragen?

  • Aquarienwasser nicht in die freie Natur entsorgen! Aquarienwasser kann Eier und Dauerstadien von Aquarientieren, Parasiten oder Krankheitserreger enthalten.
  • Aquarientiere nie in ein freies Gewässer einsetzen! Tiere, die nicht mehr im Aquarium gehalten werden, sollten im Aquarienhandel abgegeben werden.
  • Exotische Teichbewohner nicht in freier Natur aussetzen oder noch besser: Überlegen ob der Teich nicht auch mit einheimischen Tieren besetzt werden kann.
  • Boote und Ausrüstung vor einem Wechsel in ein anderes Gewässer reinigen!